THIS BLOG FOCUSES, FIRST, ON THE QUESTION WHY THE SERBIANS AND MILOSEVIC WERE MADE EXCLUSIVELY RESPONSIBLE FOR THE DISINTEGRATION AND THE CRIMES COMMITTED DURING THE DISINTEGTRATION. I.E. IT IS QUESTION OF HOW AND WHY SUCH A HUGE MAJORITY OF WESTERN NEWS CONSUMERS ARRIVED AT THAT CONCLUSION AND THEN ACTED UPON IT IN A VARIETY OF WAYS, ONE OF THEM BEING ATTACKS ON THE ANYTHING BUT A PERSONAL SAINT, PETER HANDKE'S WORK, REALLY GANGED UP ON THE WORK.

Tuesday, April 27, 2010

GERECHTIGKEIT FUER SERBIEN by Peter Handke [a section from the first of his four travel books to Yugoslavia in the early 90s]

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GERECHTIGKEIT FUER SERBIEN

Peter Handke

Sueddeutsche Zeitung
January 5, 1996








Ach, ich erinnere mich: Damals unterschrieb ich Briefe mit Poor Yorick, und meine Mutter ging den ganzen Tag in der Nachbarschaft umher und fragte, wer denn dieser Yorick sei. Eh, so lebte man vor dem Krieg.
Was macht es uns aus, drei Millionen Menschen zu toeten. Der Himmel ist ueberall der gleiche und blau, so blau. Der Tod ist noch einmal gekommen, aber nach ihm wird die Freiheit kommen. Wir werden frei und komisch sein.
Als der erste Schnee fiel, lernten wir uns besser kennen.
Milos Crnjanski
Tagebuch ueber Carnojevic, 1921.


Vor der Reise

Schon lange, nun fast vier Jahre lang, seit dem Ende des Krieges in Ostslawonien, der Zerstoerung von Vukovar, seit dem Ausbruch des Krieges in Bosnien-Herzegowina, hatte ich vorgehabt, nach Serbien zu fahren. Ich kannte von dem Land einzig Belgrad, wohin ich vor beinah drei Jahrzehnten als Autor eines stummen Stuecks eingeladen war zu einem Theaterfestival. Von jenen vielleicht eineinhalb Tagen habe ich nur behalten meinen jugendlichen oder eben autorhaften Unwillen wegen einer unaufhoerlichen Unruhe, angesichts der wortlosen Auffuehrung, in dem serbischen Publikum, welches, so mein damaliger Gedanke, suedlaendisch oder balkanesisch, wie es war, natuerlich nicht reif sein konnte fuer ein so langandauerndes Schweigen auf der Buehne. Von der grossen Stadt Belgrad ist mir von damals nichts im Gedaechtnis geblieben als eine eher sachte Abschuessigkeit beidseits zu den unten in der Ebene zusammenstroemendenslawischen Krieg, bis zuletzt, wie mir in Fluessen Save und Donau hin - kein Bild hingegen von den beiden Wassern, die Horizonte verriegelt und von den typisch kommunistischen Hochbloecken. Erst jetzt, vor kurzem, bei meinem zweiten Aufenthalt in der serbischen, seinerzeit, jugoslawischen Hauptstadt, kam mir dort in einer mit Linden, herbstblaetterverstreuenden, gesaeumten Seitenstrasse, beim zufaelligen Gehen an einem Haus der Schriftsteller vorbei, in den Sinn, dass ich einstmals sogar drinnen gewesen war, bewirtet und nebenbei in meinem juvenilen Autorengehabe freundlichst verspottet von dem gar nicht so viel aelteren, damals in ganz Europa beruehmten, auch von mir ziemlich begeistert gelesenen Schriftsteller Miodrag Bulatovic, Der rote Hahn fliegt himmelwaerts. (Er ist vor ein paar Jahren gestorben, mitten im jugoslawischen Krieg, bis zuletzt, wie mir in Belgrad erzaehlt wurde, spottlustig gegen jedermann und zugleich immer hilfsbereit; gab es ausserhalb seines Landes Nachrufe auf ihn?).
Es war vor allem der Kriege wegen, dass ich nach Serbien wollte, in das Land der allgemein so genannten Aggressoren. Doch es lockte mich auch, einfach das Land anzuschauen, das mir von allen Laendern Jugoslawiens das am wenigsten bekannte war, und dabei, vielleicht gerade bewirkt durch die Meldungen und Meinungen darueber, das inzwischen am staerksten anziehende, das, mitsamt dem befremdenden Hoerensagen ueber es, sozusagen interessanteste. Beinah alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen, und wenn sie zwischendurch auch einmal von der anderen kamen, erschienen sie mir, mit der Zeit mehr und mehr, als blosse Spiegelungen der ueblichen eingespielten Blickseiten - als Verspiegelungen in unseren Sehzellen selber, und jedenfalls nicht als Augenzeugenschaft. Es draengte mich hinter den Spiegel; es draengte mich zur Reise in das mit jedem Artikel, jedem Kommentar, jeder Analyse unbekanntere und erforschungs- oder auch bloss anblickswuerdigere Land Serbien. Und wer jetzt meint: Aha, proserbisch! oder Aha, jugophil! - das letztere ein Spiegel-Wort (Wort?) - der braucht hier gar nicht erst weiterzulesen.
Zwar hatte es in den letzten Jahren schon die eine und die andere Einladung in das geschrumpfte Jugoslawien nach Serbien oder Crna Gora, Montenegro, gegeben. Aber ich wollte vermeiden, dort jemand OEffentlicher, und wenn auch nur Halboeffentlicher, zu sein. Es schwebte mir vor,mich als irgendein Passant, nicht einmal als Auslaender oder Reisender kenntlich, zu bewegen, und das nicht allein in den Metropolen Belgrad oder Titograd (inzwischen Podgorica), sondern, vor allem, in den kleinen Staedten und den Doerfern und womoeglich zeitweise auch fern von jeder Ansiedlung. Aber selbstredend brauchte ich zugleich so jemanden wie einen ortskundigen Lotsen, Gefaehrten und vielleicht Dolmetsch; denn mit meinem loecherigen Slowenisch und den paar serbokroatischen Gedaechtnisspuren von einem Sommer auf der Adria-Insel Krk, vor weit ueber dreissig Jahren, durfte ich mich, sollte es keine uebliche Reise werden, nicht begnuegen. (Kein Problem dagegen die fremde kyrillische Schrift: dass ich sie, oft stockend, erst entziffern musste, erschien fuer das Vorhaben gerade recht.)
Es traf sich, dass ich schon lange zwei Freunde aus Serbien habe, die beide ziemlich jung aus ihrem Land weggegangen sind, in mehr oder weniger grossen Abstaenden aber heimkehren, auch jetzt waehrend des Kriegs: Besuch der Eltern, oder der verwitweten Mutter, und/oder des einen und anderen ehelichen oder unehelichen Kindes samt fruehverlassener serbischer Geliebter. Der eine ist Zarko Radakovic, UEbersetzer von einigen meiner Dinge ins Serbische, und a ses heures, wie es so einleuchtend franzoesisch heisst, zu seinen Stunden, selber ein Schreiber; im Geldberuf freilich, nach seinem Studium in Belgrad und dann lange in Tuebingen, UEbersetzer und Sprecher deutschsprachiger Zeitungsartikel bei der balkanwaerts gerichteten Funkstelle der Deutschen Welle: selbst da, in einem nicht seltenen Zwiespalt zwischen Serbe-Sein und Gegensprechen-Muessen (s. etwa die keinmal auch nur in einem Anhauch proserbischen Tendenzkartaetschen aus der FAZ), ein treulicher UEbersetzer -Sprecher dagegen manchmal eher mit versagender Stimme. Mag sein, dass solche Existenz auch zu dem Verstummen beitrug, welches meinen Freund seit Kriegsbeginn befallen hatte, nicht bloss vor der Feindes- sondern sogar vor der Freundeswelt, und so auch vor mir. Zwar uebersetzte er weiterhin dies und jenes, und das kam, trotz des Krieges, in Belgrad, Nis oder Novi Sad als Buch heraus: doch ich erfuhr von ihm nichts mehr davon - Zarko R. lebte, uebersetzte und schrieb wie in einer selbstgewaehlten Verdunkelung. Um ihn darin jetzt aufzuspueren, musste ich mich an den letzten ihm noch gebliebenen Vertrauten wenden, einen Mormonen, weit weg im amerikanischen Bundesstaat Utah. Und wie es solch einem mormonischen Umweg entspricht, fanden der Serbe und ich, der OEsterreicher, gleichsam im Handumdrehen wieder zusammen: Anruf aus Koeln - ja, Anfang November Treffen in Belgrad, ich besuche da ohnedies gerade meine Mutter - und fuer die Woche darauf das Projekt einer gemeinsamen Fahrt an die Grenze nach Bosnien, wo er, ebenfalls ohnedies, in einer Kleinstadt an dem Grenzfluss Drina mit seiner dort lebenden einstigen Freundin und der gemeinsamen, inzwischen bald achtzehnjaehrigen Tochter verabredet war.
Den anderen serbischen Freund, von dem ich mir sein Land und seine Leute nahebringen lassen wollte, kannte ich von dem Fastjahrzehnt meines Lebens in Salzburg. Zlatko B. war Stammgast in einem Lokal der stadtauswaerts fuehrenden Schallmooser Hauptstrasse, wohin auch ich oefter ging, all die Jahre lang, auch wegen der altvaeterischen, immer laut eingestellten Jukebox und ihrer nie ausgewechselten Creedence-Clearwater-Revival-Songs, Have You Ever Seen The Rain?, Looking Out The Back Door, Lodi. Zlatko spielte dort anfangs Karten, jeweils um grosse Summen. Er hatte Serbien, nach einer baeuerlichen Kindheit im Ostland, einer Bueromaschinenlehre in Belgrad und der sehr langen Armeezeit in mehreren Winkeln Jugoslawiens, fuer OEsterreich verlassen, um, wie er behauptet, reich zu werden. Das war ihm als Arbeiter in einer Salzburger Vorstadtwaescherei nicht gelungen. Und so versuchte er es, zwischendurch Handlanger und Bote in einem Reisebuero, im Mirjams Pub als Berufsspieler, hatte aber, auf sich allein gestellt, gegen die europareifen Spielerbanden, die sich am Ort abwechselten, auf die Dauer keine Chancen. (Im Gedaechtnis geblieben ist mir von ihm aus jener Zeit besonders sein nicht eben seltener Blick zum unsichtbaren Himmel nach einem jeden verlorenen Spiel.) Danach wurde er sozusagen bestaendig ehrlich, ein Gelegenheitsarbeiter, immer prompt, kompetent, beilaeufig, und bei Gelegenheit, fast nur auf Bestellung, auch ein Maler seltsamer Genreszenen,weit entfernt von der Buntheit und nicht nur eigengelenkten Phantasie der einst hochgehandelten serbischen Naiven - erinnernd zum Beispiel an die slowenischen Bienenstockmalereien aus dem 19. Jahrhundert (zu betrachten im lieben Museum von Radovljica beim See von Bled) oder die Wirtshausschilder des georgischen Wandmalers Pirosmani. Und wie Zarko R. hatte auch Zlatko B. sich seit dem Ausbruch der jugoslawischen Kriege zurueckgezogen, aus der Salzburger Stadt hinaus auf das Land,und hat dann sogar amtlich seinen serbischen Namen abgelegt zugunsten eines deutsch klingenden - in Wahrheit ein getreuer Anklang an den von ihm hochverehrten niederlaendischen Kleinszenenmaler aus dem 17. Jahrhundert, Adrian Brouwer.
Und auch Zlatko B., alias Adrian Br., war mit meinem Vorschlag einer gemeinsamen Reise durch sein Serbien auf der Stelle einverstanden. Wir wuerden seine Weinbauerneltern in dem Dorf Porodin, nah dem Mittserbenfluss Morawa, besuchen - nur sollte das womoeglich noch vor dem tiefen November sein, damit wir etwas von dem schoenen Herbst und den Trauben in den Weinbergen haetten. Er zoegerte nur, mit dem eigenen Auto zu kommen, weil das, so hatte er gehoert, in seiner serbischen Heimat sofort gestohlen wuerde.
Ende Oktober 1995 machten wir uns so aus unseren drei verschiedenen Richtungen auf den Weg nach Belgrad: der eine vom Salzburger Land, quer durch OEsterreich und Ungarn (schliesslich doch mit seinem Wagen), der andere aus Koeln, mit einem Lufthansaflugzeug, der dritte aus dem Pariser Vorort, nach einer Autofahrt durch Lothringen und die Schweiz, mit der Swissair von Zuerich, an der Seite von S. So wurde das eine der wenigen Reisen meines Lebens, die ich nicht allein unternahm; und die erste, bei der ich fast staendig in Gesellschaft blieb.
Ich hatte mich fuer Serbien im uebrigen nicht besonders vorbereitet. Fast haetten S. und ich sogar versaeumt, uns die Visa zu besorgen, so sehr war mir noch das weite Jugoslawien von 1970 bis 1990 im Kopf, ueberall frei zugaenglich und ohne Krieg. Und nun sollte ich gar, bei der zustaendigen Stelle in Paris, die keine Ambassade mehr war, nur noch eine Notbehoerde, einen Reisegrund angeben - Tourist,was doch zutraf, wurde als unglaubhaft angesehen (war ich der erste seit Kriegsausbruch?), auch als ungenuegend. Zum Glueck fand sich endlich eine weltoffene Vertreterin Serbiens, in einem Hinterzimmer,der ich nichts mehr zu erklaeren brauchte; und diese versicherte ausserdem, wir haetten, wo auch immer in ihrem Land, keinen Moment OEffentlichkeit zu fuerchten. (Aber was war ihr Land? Sie kam aus der Krajina, inzwischen wie fuer immer dem Staat Kroatien zugefallen.)
Am Vorabend der Abreise schaute ich in einem Kino von Versailles noch Emir Kusturicas Film Underground an. Die vorigen Filme des Bosniers aus Sarajewo, etwa Die Zeit der Zigeuner und Arizona Dreams, hatte ich einerseits bewundert wegen ihrer mehr als bloss frei schwebenden - ihrer frei fliegenden Phantasie, mit Bildern und Sequenzen so dichtverknuepft und gleichmaessig, dass sie oft uebergingen in orientalische Ornamente (was das Gegenteil von Verengung sein konnte), und andererseits hatte ich doch ganz und gar an diesen Bilderfluegen vermisst etwas wie eine Erd- oder Land- oder ueberhaupt Weltverbundenheit, so dass die ganze Phantastik jeweils bald geplatzt war zu augenverstopfenden Phantastereien; und einem Bewundernmuessen habe ich schon immer das Ergriffensein vorgezogen, oder das Fastergriffensein, welches in mir am staerksten nachgeht, anhaelt, dauert.
Durch Underground aber wurde ich da erstmals von einem Film Kusturicas (fast)ergriffen.Endlich war aus der blossen Erzaehlfertigkeit eine Erzaehlwucht geworden,indem naemlich ein Talent zum Traeumen, ein gewaltiges, sich verbunden hat mit einem handgreiflichen Stueck Welt und auch Geschichte - dem einstigen Jugoslawien, welches des jungen Kusturica Heimat gewesen war. Und war es nicht zum Beispiel eine Wucht - eine Shakespearesche, durchkreuzt immer wieder von jener der Marx Brothers - wenn in einer grossen Szene gegen Schluss,im tiefsten Buergerkrieg, einer der Filmhelden, auf seiner jahrelangen, verzweifelten Suche nach seinem einst in der Belgrader Donau verschwundenen Sohn, durch den Schlachtenrauch rennend in einem fort wechselt zwischen dem Schreien um sein vermisstes Kind und dem Bruellbefehl: Feuer!? Wie toericht oder boeswillig kam mir dann so vieles vor von dem, was gegen Underground geschrieben worden war. Nicht nur, dass nach der Auffuehrung in Cannes Alain Finkielkraut, einer der neueren franzoesischen Philosophen, seit Kriegsausbruch ein unbegreiflicher Plapperer fuer Staatlich-Kroatien, Kusturicas Film, ohne ihn gesehen zu haben, in LeMonde Terrorismus, proserbische Propaganda usw. vorwarf: Noch vor einigen Tagen kehrte in Liberation Andre Glucksmann, ein anderer neuer Philosoph, in einer grotesken Weise den Spiess um, indem er Kusturica zu seinem Film, den er gesehen habe!, beglueckwuenschte, als einer Abrechnung mit dem terroristischen serbischen Kommunismus, der, anders, als die Deutschen, so gar nichts gelernt habe aus seinen historischen Un taten - wer derartiges aus Underground heraussieht, was hat der gesehen? Wassieht der ueberhaupt? Und ein Kritiker des Films in der deutschen Zeit, sonst fuer manche Lichtblicke gut, fand bei Kusturica Wut, Ressentiment, sogar Rachsucht. Nicht doch: Underground kommt, ist gemacht, besteht und wirkt, ich sah es,allein aus Kummer und Schmerz und einer kraeftigen Liebe; und selbst seine Grobheiten und Lautstaerken sind Teil davon - was alles zusammen zuletzt das Hellsichtige, manchmal sogar wie Hellseherische dieser anderen jugoslawischen Geschichte hervorbringt, oder das naturwuechsig Maerchenhafte, siehe das festliche Ende auf der von dem Kontinent wegtreibenden Insel, wo der Toelpel des Films, auf einmal gar nicht mehr so verstoert, geschweige denn idiotisch, klar und sanftest autoritaer,wie eben nur ein Maerchenerzaehler,sich an die Zuschauer wendet mit seinem Es war einmal ein Land . . . (Mir dauerte dort im Kino sein Maerchen nur leider gar zu kurz.)
Das Alleraergste freilich, was es bisher gegen Kusturicas Film zu lesen gab, stand wiederum in LeMonde, einer der mir einst liebsten Zeitungen, die unter dem aehnlich serioes-distinguierten Anschein von frueher - kaum je ein Photo, dichtgesetzte, quasiamtliche Spalten - seit einigen Jahren, und nicht bloss in Ausnahmefaellen, abseits von seinem oft weiterhin uebergewissenhaften Hauptteil zu einem verdeckt demagogischen Schnueffelblatt geworden ist,und das nicht nur, was zum Beispiel die Krankheit des damaligen Staatspraesidenten Mitterrand angeht, die unter dem Informations-Vorwand vor Jahresfrist seitenweise ausgebreitet wurde mit einer vielleicht zeitgemaessen, gewiss aber nicht zeitgenoessischen Sterbensgeilheit. Die Zeitung beschreibt ihre Sujets nicht mehr, geschweige denn, was noch besser, auch nobler waere, evoziert sie,sondern begrapscht sie - macht sie zu Objekten. Typisch fuer die neue Blickrichtung die Art, dass, einst in LeMonde undenkbar, Personen gleich anfangs durch ihr AEusseres charakterisiert werden, in der Regel so wie gerade erst, in einer Titelspalte, eine amerikanische Kunstphotographin als bestrickende ausladende Vierzigerin (oder so aehnlich) - als bringe die scheinbare Bilderenthaltsamkeit der Zeitung inzwischen eine grundandere Art von Bildern, Wortbildern hervor, undganz gewiss keine ernstzunehmenden.
Zu Underground, da das Redaktionscorps von LeMonde, siehe Finkielkrauts Infamie, vereinbart hatte, es sei mit Emir Kusturica und seinem proserbischen oder jugophilen Fimmel aufzuraeumen, trat nun zu der sprachfadenscheinigen, wie fremdgelenkten Rezension des Hauptfilmekritikers - eines bei Gelegenheit sonst klug und fein tranchierenden Schreibers - der dem Film seine barocken, das heisst nur mit sich selber spielenden Formen vorwarf, auf ebenden Kulturseiten noch ein Artikel aus der Hand einer Frau,welche mir Zeitungsleser bisher allein als die LeMonde-Kriegskorrespondentin in Jugoslawien gelaeufig gewesen war, und zwar als eine nicht bloss parteiische - warum, in diesem Fall, auch nicht? - sondern darueber hinaus noch einen unverwuestlichen und geradezu beneidenswert selbstbewussten Hass gegen alles Serbische loslassende, und das Bericht um Bericht. In dem erwaehnten Artikel jetzt wollte sie nachweisen, dass der Film von Kusturica, da auf serbischem Boden (und Gewaessern) gedreht,sicherlich doch mit Unterstuetzung dortiger Unternehmen hergestellt worden sei und deswegen dem von den Vereinten Nationen gegen Serbien und Montenegro verhaengten Handelsverbot oder Embargo zuwiderhandle. In einer peniblen, gleichsam hoechstrichterlichen, dabei vollkommen scheinsachlichen Gruendlichkeit zaehlte sie dann, vielleicht eine Viertelspalte lang, saemtliche etwa gegen den Film Underground anwendbaren UN-Resolutionen auf, Paragraphenziffer um Paragraphenziffer, Nebenbestimmung um Nebennebenbestimmung, allesamt penibel in eine Schuldstuetzungslitanei gereiht, addiert, verkettet, wie eben sonst nur in einer unanfechtbaren, endgueltigen, unwiderruflichen Urteilsbegruendung - und so suggerierend, Kusturicas Film sei, allein schon als Produkt oder Handelsware etwas von Grund auf Unrechtes, seine nichtserbischen (franzoesischen und deutschen) Mithersteller seien Rechtsbrecher, der Film, jedenfalls in den dem Embargo verpflichteten Staaten, gehoere von der Bildflaeche, aus dem Verkehr gezogen (ich uebersetze die Suggestion der Kriegsartiklerin hier eher milde), Underground habe kein Existenzrecht, und die Produzenten und der Macher Emir Kusturica seien Kriegsgewinnler, zumindest. (Der Gerechtigkeit halber sei erwaehnt, dass inzwischen, etwa einen Monat nach Erscheinen dieses Artikels,die Zeitung einen kleinen Leserbrief brachte, worin LeMonde hoeflich gebeten wurde, endlich von dem schlechten Prozess abzulassen - nur stand in einer Nummer danach, verfasst von einer anderen Frontfrau, schon wieder so ein Bericht, diesmal ueber die Lage des Fussballclubs Roter Stern Belgrad, in Wahrheit, zumindest fuer den, der Wort fuer Wort las, eine geschlossene Denunziationskette, mit dem Hammer am Schluss: Der Verein, lange - so weiss es jedenfalls die internationale Presse - liiert mit dem beruechtigten Banditen und Kriegskiller Arkan, habe sich von diesem nun doch nicht, wie von der Clubfuehrung behauptet, losgesagt - wie denn sonst faende sich im Roter-Stern-Souvenirlokal neben den Dressen, Aschenbechern und dergleichen auch immer noch eine Videokassette von der sulfuroesen Hochzeit des Kriegsverbrechers mit der chauvinistischen Serbenrocksaengerin Ceca?)
Ich habe mich so lange bei diesen (vielleicht) Nebenschauplaetzen und faulen Sprachspielen aufhalten muessen, die weniger eines Philip Marlowe wuerdig sind als der Sittenpolizei, weil die hier anzitierte Weise eines fast rein von einer im voraus gespannten Schnueffelleine diktierten Redens mir als bezeichnend erscheint fuer einen uebermaechtigen Strang der Veroeffentlichungen ueber die jugoslawischen Kriege, seit deren Anbeginn. - Was, willst du etwa die serbischen Untaten, in Bosnien, in der Krajina, in Slawonien, entwirklichen helfen durch eine von der ersten Realitaet absehende Medienkritik? - Gemach. Geduld. Gerechtigkeit. Das Problem - nur meines? - ist verwickelter, verwickelt mit mehreren Realitaetsgraden oder -stufen; und ich ziele, indem ich es klaeren will,auf etwas durchaus ganz Wirkliches, worin alle die durcheinanderwirbelnden Realitaetsweisen etwas wie einen Zusammenhang ahnen liessen.Denn was weiss man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern -)Sehbeteiligung ist? Was weiss man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsaechliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen,entstehen kann? Was weiss der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kuerzel von einem Bild, oder, wie in der Netzwelt, ein Kuerzel von einem Kuerzel?
Zwei Dinge, von denen ich, schlimmer als von Verwirrspielen, nicht loskomme, und das nun schon seit viereinhalb Jahren, seit dem Juni 1991, dem Beginn des sogenannten Zehntagekrieges in Slowenien, den Startschuessen fuer das Auseinanderkrachen Jugoslawiens - zwei Dinge: eine Zahl und ein Bild, eine Photographie. Die Zahl: Etwa siebzig Menschen sind bei jenem Initialkrieg umgekommen, sozusagen wenig im Vergleich zu den Vielzehntausenden in den Folgekriegen. Jedoch wie kam es,dass beinahe alle der siebzig Opfer Angehoerige der jugoslawischen Volksarmee waren, die schon damals als der grosse Aggressor galt und, in jedem Sinn weit in der UEbermacht, mit den wenigen slowenischen Unabhaengigkeitsstreitern ein gar leichtes Spiel (Spiel?) gehabt haette? (Das Zahlenverhaeltnis ist bekannt, ohne freilich, seltsamerweise,je eingedrungen zu sein in das Weltbewusstsein.) Wer hat da auf wen geballert? Und gab es nicht vielleicht sogar einen ausdruecklichen Armeebefehl, keinesfalls zurueckzuschlagen, da man sich trotz allem noch unter suedslawischen Bruedern waehnte und sich, wenigstens von der einen Seite, an solchen Glauben oder Wahn auch halten wollte? - Und das Photo dazu sah ich dann im Time-Magazine: eine eher schuettere Gruppe von Slowenen in leicht phantastischer Kampfkleidung, die neukreierte Republik mittels Spruchband und Flagge praesentierend.Und es fanden sich, so meine Erinnerung, da kaum richtig junge Leute darunter,oder jedenfalls hatte die Schar oder Truppe nichts Jugendliches - vordringlich im Sinn sind mir von den Freiheitskaempfern eher schmerbaeuchige Mittdreissiger, aufgepflanzt eher wie gegen Ende eines Schwerenoeterausflugs, die Fahnen als Dekor eines Freilufttheaters,und bis heute will mir mein erster Gedanke zu jenem Bild nicht aus dem Kopf, es seien solche halblustigen Freizeittypen, keine Freiheitskaempfer, welche die fast siebzig, mitsamt ihren ueberlegenen Waffen nicht aus noch ein wissenden jungen Soldaten mir nichts,dir nichts abgeschossen haben. Natuerlich ist das vielleicht Unsinn - der aber zeigt, wie sich so ausgestrahlte Reporte und Bilder bei einem Empfaenger um- oder verformen.
AEhnlich passierte es mir mit den folgenden Kriegsberichten, oft und oefter. Wo war der die Realitaeten verschiebende, oder sie wie blosse Kulissen schiebende, Parasit: in den Nachrichten selber oder im Bewusstsein des Adressaten? Wie kam es etwa, dass ich es im ersten Moment ganz nachfuehlen konnte, als Ende November 1991, bei der Meldung von dem Fall der Stadt Vukovar, noch am Abend desselben Tages das Schild der Pariser Metrostation Stalingrad von einer so empoerten wie ergriffenen Passantenhand umgeschrieben wurde zu Vukovar, ich das als eine so aktuelle wie biblische Handlung sah, oder als Kunst- und Polit-Akt in Idealunion - und dass doch schon am naechsten Morgen, wie manchmal bei einem fuer den Augenblick zwar packenden, aber schon gleich nach dem Wort ENDE nicht mehr ganz so, und spaeter beim Bedenken immer weniger plausiblen Film (in der Regel aus Hollywood), meine Anzweifelungen einsetzten, wie denn Stalingrad und Vukovar sich aufeinander reimen koennten. Wie etwa sollte ich jemals jenen Spruch eines Hassleitartiklers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem in Ostslawonien jetzt Geschehenen heraushalten, wonach die in Kroatien (also auch in und um Vukovar) ansaessigen Serben,bislang jugoslawische Buerger, gleichrangig mit ihren kroatischen Landsleuten, in der Verfassung fuer den ueber ihre Koepfe hin beschlossenen Neustaat Kroatien, auf einmal als eine Volksgruppe zweiten Ranges vorgesehen waren - wonach also diese ungefragt einem kroatischen Staat, und nicht mehr bloss einer kroatischen Verwaltung, einzuverleibenden etwa sechshunderttausend Serbenleute sich gehoerigst, gefaelligst, gehorsamst, laut Dekret des deutschen Journalisten, als Minderheit fuehlen (so!) sollen!? Gut, zu Befehl, ab heute sind wir einverstanden, uns in unserem eigenen Land als eine Minderheit zu fuehlen und sind demgemaess auch einverstanden, von eurer kroatischen Verfassung als eine solche eingestuft zu werden: Das waere demnach der Ausweg vor dem Krieg in der Krajina und um die Stadt Vukovar gewesen? Wer war der erste Aggressor? Was hiess es, einen Staat zu begruenden, dazu einen seine Voelker vor- und zurueckreihenden, auf einem Gebiet, wo doch seit Menschengedenken eine unabsehbare Zahl von Leuten hauste, welcher solcher Staat hoechstens passen konnte wie die Faust aufs Auge, das heisst ein Greuel sein musste, in Erinnerung an die nicht zu vergessenden Verfolgungen durch das hitlerisch-kroatische Ustascharegime? Wer also war der Aggressor?War derjenige, der einen Krieg provozierte, derselbe wie der, der ihn anfing? Und was hiess anfangen? Konnte auch schon solch ein Provozieren ein Anfangen sein? (Du hast angefangen! - Nein, du hast angefangen!) Und wie haette ich, Serbe nun in Kroatien, mich zu solch einem gegen mich und mein Volk beschlossenen Staat verhalten? Waere ich, obwohl doch vielleicht tief ortsverbunden, auch durch die Vorfahrenjahrhunderte, ausgewandert, meinetwegen auch heim ueber die Donau nach Serbien? Vielleicht. Waere ich, wenn auch auf einmal zweitklassiger Buerger, wenn auch zwangskroatischer Staatsbuerger, im Land geblieben, zwar unwillig, traurig, galgenhumorig, aber um des lieben Friedens willen? Vielleicht. Oder haette ich mich, stuende das in meiner Macht, zur Wehr gesetzt, natuerlich nur mit vielen anderen meinesgleichen, und zur Not sogar mit Hilfe einer zerfallenden, ziellosen jugoslawischen Armee? Wahrscheinlich, oder, waere ich als so ein Serbe halbwegs jung und ohne eigene Familie, fast sicher. Und kam es nicht so, bekanntlich mit dem Einruecken der ersten kroatischen Staatsmiliz in die serbischen Doerfer um Vukovar, zu dem Krieg, zu welchem selber aber jemand wie ich nichts zu sagen hat; denn noch immer gilt eben jenes schreckliche Krieg ist Krieg, und das noch schrecklichere: Bruderkrieg ist Bruderkrieg.Und wer das nun, statt als Gewuergtheit, als Gleichgueltigkeit versteht, auch der braucht hier nicht weiterzulesen. (Gibt nicht die vielfach in deutschen Zeitungen blossgestellte Herzlosigkeit, die wie ostentative, des serbisch -juedischen Autors Aleksandar Tisma mit eben seinem Krieg ist Krieg mehr, weit mehr zu bedenken als alle Empoerungslippenbewegungen, die erpresserischen, fern von jedem Urschrei?)
Spaeter, als dann vom Fruehjahr 1992 an die ersten Bilder, bald schon Bildserien, oder Serienbilder, aus dem bosnischen Krieg gezeigt wurden, gab es einen Teil meiner selbst (immer wieder auch fuer mein Ganzes stehend), welcher die bewaffneten bosnischen Serben, ob Armee oder Einzeltoeteriche, insbesondere die auf den Huegeln und Bergen um Sarajewo, als Feinde des Menschengeschlechts empfand, in Abwandlung eines Worts von Hans Magnus Enzensberger zu dem irakischen Diktator Saddam Hussein; und haette im weiteren Verlauf, bei den Berichten und Abbildungen aus den serbisch- bosnischen Internierungslagern, gewissermassen den Satz eines, dabei doch serbischen, Patrioten, des Poeten und damaligen Oppositionellen Vuk (Wolf) Draskovi1/8c unterschreiben koennen, wonach nun,durch das Gemetzel in Bosnien-Herzegowina, auch das Volk der Serben, bisher in der Geschichte kaum je die Taeter, oder Erst-Taeter, ein schwerschuldbeladenes, eine Art Kainsvolk,geworden sei. Und nicht bloss einmal, nicht bloss fuer den Augenblick, angesichts wieder eines in einer der Leichenhallen von Sarajewo wie im leeren Universum alleingelassenen getoeteten Kindes - Photographien uebrigens, fuer die spanische Zeitungen wie El Pais Vergroesserungs- und Veroeffentlichungsweltmeister sind, nach ihrem Selbstbewusstsein wohl in der Nachfolge Francisco Goyas? -fragte ich mich dazu, wieso denn nicht endlich einer von uns hier, oder, besser noch, einer von dort, einer aus dem Serbenvolk persoenlich, den fuer so etwas Verantwortlichen, das heisst den bosnischen Serbenhaeuptling Radovan Karad1/2zi1/8c, vor dem Krieg angeblich Verfasser von Kinderreimen!, vom Leben zum Tode bringe, ein anderer Stauffenberg oder Georg Elsner!?
Und trotzdem, fast zugleich mit solchen ohnmaechtigen Gewaltimpulsionen eines fernen Sehbeteiligten, wollte ein anderer Teil in mir (der freilich nie fuer mein Ganzes stand),diesem Krieg und diesen Kriegsberichterstattungen nicht trauen. Wollte nicht? Nein,konnte nicht. Allzu schnell naemlich waren fuer die sogenannte Weltoeffentlichkeit auch in diesem Krieg die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der reinen Opfer und der nackten Boesewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden. Wie sollte, war gleich mein Gedanke gewesen, das nur wieder gutausgehen, wieder so eine eigenmaechtige Staatserhebung durch ein einzelnes Volk - wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischstaemmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten - auf einem Gebiet, wo noch zwei andere Voelker ihr Recht, und das gleiche Recht!, hatten, und die saemtlichen drei Voelkerschaften dazu kunterbunt,nicht bloss in der meinetwegen multikulturellen Hauptstadt, sondern von Dorf zu Dorf, und in den Doerfern selber von Haus zu Huette, neben- und durcheinanderlebten? Und wie haette wiederum ich mich verhalten, als ein Serbe dort in Bosnien, bei der, gelind gesagt, Ellenbogenbegruendung eines, gelind gesagt, mir gar nicht entsprechenden Staates auf meinem, unserm, Gebiet? Wer nun war der Angreifer? (Siehe oben.)
Und ging es im Verlauf dann der Begebenheiten nicht vielen fernen Zuschauern eine ganze Zeitlang so, dass, falls zwischendurch einmal ausnahmsweise eins der Kriegsopferbilder die Legende Serbe hatte, wir das fuer einen Irrtum, einen Druckfehler, jedenfalls fuer die zu vernachlaessigende Ausnahme ansahen? Denn wenn es in der Tat solche unschuldigen serbischen Opfer gab, dann konnten sie, entsprechend ihrem so spaerlichen weltoeffentlichen Vorkommen, doch nur im Verhaeltnis eins zu eintausend - ein serbischer Toter zu tausend muslimischen - stehen. Welche Kriegsseite war, was die Getoeteten und die Gemarterten betraf, fuers Berichten und Photographieren die Butterseite? Und wieso wurden diese Seiten dann erstmals ein bisschen gewechselt im Sommer 1995, mit der Vertreibung der Serben aus der Krajina - obwohl es auch da nicht die Gesichter von Ermordeten, sondern nur von Heimatlosen zu sehen gab, und dazusuggeriert wurde, dieselben haetten ja zuvor ein anderes Volk vertrieben? Und passt dazu nicht die gerade vom Internationalen Gerichtshof veroeffentlichte Zahl der Kriegsverbrechensverdaechtigen im jugoslawischen Krieg? 47 (siebenundvierzig) Serben, 8 (acht) Kroaten und einem Moslem (1) sei man in Den Haag vielleicht auf der Spur - so als werde auch fuer diese Seite formhalber einer gebraucht, ein Alibikriegsverbrecher aehnlich sonst einem Alibisamariter.
Aber war es nicht schon vor den Bildern von den Fluechtlingstrecks aus der Krajina diesem und jenem fernen Zuseher auffaellig, wie die bis dahin fast verschwindenden serbischen Leidtragenden in der Regel grundanders in Bild, Ton und Schrift kamen als die Hekatomben der anderen? Ja, auf den Photos usw. von den paar ausnahmsweise nachrichtenwuerdigen ersteren erschienen mir diese in der Tat als verschwindend, so im allerau-





Welche Kriegsseite war, was die Getoeteten und die Gemarterten betraf, fuers Berichten die Butterseite?





genfaelligsten Gegensatz zu ihren Kummer- und Trauergenossen aus den beiden uebrigen Kriegsvoelkern: Diese, so war es jedenfalls nicht selten zu sehen, posierten zwar nicht,doch waren sie, durch den Blick- oder Berichtsblickwinkel, deutlich in eine Pose gerueckt: wohl wirklich leidend, wurden sie gezeigt in einer Leidenspose. Und im Lauf der Kriegsberichtsjahre, dabei wohl weiterhin wirklich leidend, und wohl mehr und mehr, nahmen sie fuer die Linsen und Hoerknoepfe der internationalen Belichter und Berichter, von diesen inzwischen angeleitet, gelenkt, eingewinkt (He, Partner!) sichtlich wie gefuegig die fremdgewuenschten Martermienen und -haltungen ein. Wer sagt mir, dass ich mich irre oder gar boeswillig bin, wenn ich so zu der Aufnahme des lauthals weinenden Gesichts einer Frau, Close Up hinter den Gittern eines Gefangenenlagers, das gehorsame Befolgen der Anweisung des Photographen der Internationalen Presseagentur ausserhalb des Lagerzaunes foermlich mitsehe, und selbst an der Art, wie die Frau sich an den Draht klammert, etwas von dem Bilderkaufmann ihr Vorgezeigtes? Mag sein, ja, ich irre mich, der Parasit ist in meinem Auge (das Kind, auf dem einen Photo gross, schreiend, im Arm der einen Frau, seiner Mutter?, und auf dem Folgephoto weit weg in einer Gruppe, wie seelenruhig im Arm einer anderen Frau, seiner richtigen Mutter?): - doch weshalb habe ich solche gar sorgfaeltig kadrierten, ausgekluegelten und eben wie gestellten Aufnahmen noch keinmal - jedenfalls nicht hier, im Westen - von einem serbischen Kriegsopfer zu Gesicht bekommen? Weshalb wurden solche Serben kaum je in Grossaufnahmen gezeigt, und kaum je einzeln, sondern fast immer nur als Grueppchen, und fast immer nur im Mittel- oder fern im Hintergrund, eben verschwindend, und auch kaum je, anders als ihre kroatischen oder muselmanischen Mitleidenden, mit dem Blick voll und leidensvoll in die Kamera, vielmehr seit- oder bodenwaerts, wie Schuldbewusste? Wie ein fremder Stamm? - Oder wie zu stolz zum Posieren? - Oder wie zu traurig dafuer?
So konnte ein Teil von mir nicht Partei ergreifen, geschweige denn verurteilen. Und das fuehrte dann, und nicht allein mich, zu solch grotesken und dabei vielleicht nicht ganz unverstaendlichen Mechanismen (?), wie sie der noch junge franzoesische Schriftsteller (mit einer kroatischen Mutter) Patrick Besson in einem Plaedoyer, eher einem Pamphlet fuer die Serben (ein Pamphlet fuer?) vor ein paar Monaten fast durchwegs einleuchtend und jedenfalls zwischen Witz und Aberwitz beschrieben hat. Das Pamphlet faengt damit an, dass er, Besson, die Kriegsbestien zunaechst auf der naemlichen Seite gesehen habe wie all die anderen westlichen Zuschauer, eines Tages dann aber - so listig spielt er den Nachrichtenkonsumenten und launischen Pariser Modemenschen - solche Monotonie ueber und ueber hatte. Das Folgende hat dann freilich nichts mit Launen zu tun, einzig mit des Verfassers Sprach- und Bildempfindlichkeit. Nachdem er an die Leidens- und Widerstandsgeschichte Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg sehr ausdruecklich erinnert hat - wie sie unsereinem kaum im Gedaechtnis ist, und zu der wir von den Betroffenen jetzt endliches Vergessen, bis in die Kinder und Kindeskinder, verlangen - faedelt Besson in einem zornigen Schwung alle die eingefahrenen Medienstandards zu dem gegenwaertigen jugoslawischen Geschehen auf, in einer Art Fortsetzung des Flaubertschen Woerterbuchs der Gemeinplaetze, nun allerdings weniger zum Lachen als zum Weinen und Schreien zugleich. Als Beispiel hier nur sein Zitieren der ueblichen Zeichnung des Radovan Karadzic: Wie es sich etwa eingespielt habe, bei diesem automatisch seinen Psychiaterberuf mitzuerwaehnen, denn bekanntlich, siehe Flaubert, haben ja auch alle die Geisteskranken Behandelnden selbst einen Schatten, und wie er zudem in den Veroeffentlichungen von Wien bis Paris regelmaessig mit Doktor tituliert werde, in offensichtlicher Parallele zu jenem Dr. Strangelove (oder Dr. Seltsam), welcher in dem Film von Stanley Kubrick unsere Welt in die Luft jagen will usw. usw. Und wie es sich ergab, kam mir zugleich mit der Lektuere von Bessons Pamphlet in Le Monde eine Art Portraet des Serbenfuehrers unter, worin Epinalbild um Epinalbild, Klischee um Klischee, eben das erwaehnte Sprachverfahren, und zwar als quasiserioese Wiedergabe einer Wirklichkeit, praktiziert wurde, mit noch ein paar Gemeinplaetzen mehr, etwa: die Gedichte, welche der Psychiater Dr. K. schreibe, natuerlich nebenbei, wuerden von niemandem gelesen, und sie seien, natuerlich, mittelmaessig usw. Und einer jener grotesken Mechanismen auf derartiges, jedenfalls bei mir: ich wollte so ein Gedicht von Karadzic lesen - ebenso wie die Redensarten von der Moerderbraut und chauvinistischen Saengerin Ceca mir Lust auf deren Lieder machte. Und ein vielleicht aehnlicher Mechanismus bei Patrick Besson: wie er jenen Radovan Karadzic, nach all den Fertigteilberichten, dann einmal in Pale leibhaftig vor Augen bekommt und ihn als eine alternde, muede, wie abwesende, ziemlich traurige Frau schildert - eine beinah liebevolle Beschreibung - ein unzulaessiger Gegenmechanismus?
Jedenfalls scheinen solche Mechanismen oder eher Gegenwehren oder eher Gegenlaeufigkeiten mir erwaehnenswert zu sein, auch weil sie Gefahr laufen, aus dem Gleichgewicht und dem Gerechtigkeitssinn zu geraten - etwa so wie das vielleicht einzige Epinal-Bildchen bei Bessons Serbenverteidigung, womit ihm eine aehnlich truebe Stereotype aus der Hand rutscht wie denen, auf die er mit seinem Pamphlet abzielt: Er erzaehlt da von einer Versammlung der Krieger in eben dem Pale, und die bosnisch-serbischen Soldaten kommen ganz anderdes Pflaumenschnaps eben einen aus Trauben oder sonstwas gebrannten? Oder wenn einer manchem Journalisten zu dessen einhundertsten, immer gleichgereimten Jugoslawien-Artikel zwar nicht gerade ein Stueck gluehender Kohle, wie bei dem Propheten Jesaja, auf die Lippen wuenscht, aber doch einen kleinen Brennnesselwickel um seine Schreibhand.
Das Folgende hier kommt jedoch nicht bloss aus meinem vielleicht mechanistischen Misstrauen gegen eure oft wie eingefahrenen Heroldsberichte, sondern sind Fragen zu der Sache selbst: Ist es erwiesen, dass die beiden Anschlaege auf Markele, den Markt von Sarajewo, wirklich die Untat bosnischer Serben waren, in dem Sinn, wie etwa Bernard Henri-Levy, auch ein neuer Philosoph, einer von den mehr und mehr Heutigen, welche ueberall sind und nirgends,gleich nach dem Anschlag posaunenstark und in einer absurden Grammatik wusste: Es wird sich zweifelsfrei herausstellen, dass die Serben die Schuldigen sind!? Und noch so eine Parasiten-Frage: Wie war das wirklich mit Dubrovnik? Ist die kleine alte wunderbare Stadtschuessel oder Schuesselstadt an der dalmatinischen Kueste damals im Fruehwinter 1991 tatsaechlich gebombt und zerschossen worden? Oder nur - arg genug - episodisch beschossen? Oder lagen die beschossenen Objekte ausserhalb der dicken Stadtmauern, und es gab Abweicher, Querschlaeger? Mutwillige oder zufaellige, in Kauf genommene (auch das arg genug)?
Und schliesslich ist es mit mir sogar so weit gekommen, dass ich, nicht nur mich, frage: Wie verhaelt sich das wirklich mit jenem Gewalttraum von Gross -Serbien?





Oder ist es nicht auch moeglich, dass da die Legendensandkoerner in unseren Dunkel- kammern vergroessert wurden zu Anstosssteinen?





Haetten die Machthaber in Serbien, falls sie den in der Tat traeumten, es nicht in der Hand gehabt, in der rechten wie in der linken, ihn kinderleicht ins Werk zu setzen? Oder ist es nicht auch moeglich, dass da Legendensandkoerner, ein paar unter den unzaehligen, wie sie in zerfallenden Reichen, nicht nur balkanischen, durcheinanderstieben, in unseren auslaendischen Dunkelkammern vergroessert wurden zu Anstosssteinen? (Noch vor kurzem begann in der Frankfurter Allgemeinen eine angebliche Chronik der vier jugoslawischen Kriegsjahre schon im Untertitel mit der Schuldzuweisung fuer den Zerfall des Landes an die anonymen Memorandum-Verfasser der Serbischen Akadamie von 1986: Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien begann in der Studierstube / Wissenschaftler liefern die ideologische Begruendung fuer den grossen Konflikt.) Hat sich dann am Ende nicht eher ein Gross-Kroatien als etwas ungleich Wirklicheres oder Wirksameres oder Massiveres, Ent- und Beschlosseneres erwiesen als die legendengespeisten, sich nie und nirgends zu einer einheitlichen Machtidee und -politik ballenden serbischen Traumkoernchen? Und wird die Geschichte der Zerschlagungskriege jetzt nicht vielleicht einmal ziemlich anders geschrieben werden als in den heutigen Voraus-Schuldzuweisungen? Aber ist sie durch diese nicht schon laengst fuer alle Zukunft festgeschrieben? Festgeschrieben? Nicht eher starrgestellt?, wie nach 1914, wie nach 1941 - starrgestellt und starrgezurrt auch im Bewusstse in der jugoslawischen Nachbarvoelker, OEsterreichs vor allem und Deutschlands, und so bereit zum naechsten Losbrechen, zum naechsten 1991? Wer wird diese Geschichte einmal anders schreiben, und sei es auch bloss in den Nuancen - die freilich viel dazutun koennten, die Voelker aus ihrer gegenseitigen Bilderstarre zu erloesen?

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1 comment:

Scott Abbott said...

Nice to have this original version up!

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